Die Ännie Situation

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HebammenProtest

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In eigener Sache:

„Früher verbrannt – heute verheizt.“

Wohl kaum ein anderer Beruf in Deutschland wird so ausschließlich von Frauen ausgeübt wie meiner: derjenige der Hebamme. Deshalb sollte das Thema meiner Meinung nach nicht nur von arbeits-, sondern auch von geschlechterpolitischem Interesse  sein. Leider befindet sich die Vernetzung meines Berufsstands allenfalls im Anfangsstadium, der Protest gegen die bisherigen und für die Zukunft geplanten bzw. schon verabschiedeten Zumutungen wird – bis auf wenige Ausnahmen – viel zu selten ins Internet getragen, was für eine breitere gesellschaftliche Wahrnehmung der schon vorhandenen und sich immer weiter verschärfenden Mißstände allerdings unerläßlich ist.

Hebammen begleiten Frauen durch Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Im Idealfall werden sie von der Schwangeren möglichst früh hinzugezogen, um ein für den guten Verlauf unbedingt nötiges Vertrauensverhältnis aufzubauen. Gerade deshalb, weil die Vorsorge (wegen der auch für Mediziner schlechten Vergütung) für Ärzte einen nicht eben hohen Stellenwert besitzt. Die Beratungsleistung von Hebammen ist n den meisten Fällen ungleich höher. Wenn dann auch die Geburt von der bereits über die individuelle Situation im Bilde seienden Hebamme geleitet wird, ist für die Schwangere eine ungeheuere Hilfe. Abgerundet wird diese freudige Ereignis natürlich für alle Beteiligten, wenn die Hebamme, die auch bei der Geburt zugegen gewesen ist, die Familie in der Nachsorge betreut.

Doch gerade diese sogenannten Beleggeburten mit individueller Betreuung, die von den betroffenen Frauen (und Hebammen!) so geschätzt werden, entwickeln sich mehr und mehr zu einem Luxusgut. Für Geburten im Krankenhaus ist die jetzige Situation schon schwierig genug, um Hausgeburten steht es mittlerweile geradezu dramatisch. Das liegt hauptsächlich an folgenden Faktoren:

– Freiberuflich arbeitende Hebammen (80-90% der etwa 18.000 in diesem Beruf Tätigen) haben festgelegte niedrige Verdienstmöglichkeiten und unterliegen starken Restriktionen wie etwa einem Werbeverbot. Sehr viele Hebammen arbeiten neben ihrer Teilzeitbeschäftigung an einem Krankenhaus auch freiberuflich.

– Die Versicherungsprämien zur Berufshaftpflicht haben sich in den letzten Jahren ins Absurde gesteigert (trotz rückläufiger Schadensfälle um 340%, mehr Zahlen hier). Die Bezahlung hat im selben Zeitraum so gut wie stagniert.

Um es noch einmal deutlich zu sagen: Qualifikation und Verantwortung einerseits und Bezahlung andererseits stehen absolut in keinem Verhältnis. Das alles führt dazu, daß immer weniger Hebammen bereit sind, Beleg- oder Hausgeburten überhaupt zu begleiten. Sie können es sich einfach nicht mehr leisten und zahlen jetzt schon mitunter drauf. Nicht nur einzelne Hebammen geben die Geburtshilfe auf, ganze Geburtshäuser in allen Teilen Deutschlands schließen reihenweise. Es gibt also offenbar Bestrebungen, die Funktion von Hebammen auf das Angebot von Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskursen zu reduzieren. Ohne zu übertreiben kann von einem unausgesprochenen Willen seitens der Krankenversicherer ausgegangen werden, einen ganzen Berufsstand vernichten zu wollen.

Dies sind nicht nur die Probleme einer kleinen Berufsgruppe, sondern das betrifft jede Frau mit Kinderwunsch in Deutschland.
Ich muß es so heftig formulieren: Wer nicht möchte, daß die kompetente Begleitung von Hebammen vor, während und nach einer Geburt schleichend abgeschafft wird und Geburtshilfe demnächst zu einer anonymisierten Gebärabfertigung verkommt, wird bald keine Gelegenheit mehr haben, seinen Unmut wirksam zu äußern. Aber mit genug Aufmerksamkeit kann dieser Entwicklung noch Einhalt geboten werden, bevor es sich dabei um eine beschlossene Tatsache handelt.

Morgen, am Tag der Hebamme, dem 05. Mai, finden unter anderem in Hamburg, Köln,  München, Stuttgart, Göttingen und Berlin Protestaktionen statt. Eine Teilnahme nicht nur von Müttern, sondern allen Frauen und Männern und ihren Kindern ist ausdrücklich erwünscht, also erscheint bitte zahlreich. Ab Morgen wird es auch möglich sein, eine ePetition zu unterzeichnen. Da 50.000 Stimmen gesammelt werden müssen, damit unser Verband im Bundestag Gehör findet,  ist Unterstützung dringend notwendig.

Weiterführende Links:
Deutscher HebammenVerband e.V.

Hebammen-Protest

HebammenfürDeutschland

Hebammenprotest auf FB

Written by Ännie

4. Mai 2010 at 12:46

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